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Die Geschichte des Obst- und Gartenbaus im Landkreis Biberach 1544-1999

Titel: Vom Kreisbaumwart zum Fachberater für Obst- und Gartenbau

Herausgeber: Verband der Bediensteten für Obstbau, Gartenbau und Landespflege Baden-Württemberg

Druck:Druckhaus Müller GmbH, Neuenbürg, 1999, 1. Auflage, 253 Seiten

Der Landkreis Biberach
Seiten 146-151
Autor: Bodo Ziesche

 

Topographie

 

Der Landkreis Biberach, das Herz Oberschwabens, liegt mitten im „Himmelreich des Barocks“. Von der Iller erstreckt er sich bis auf die Hochflächen der Schwäbischen Alb, vom beherrschenden, unweit der Donau gelegenen Bussenberg, über die Europäische Wasserscheide hinweg bis in das Tal der Schussen. Mit einer Fläche von 1410 Quadratkilometern ist er der fünftgrößte Landkreis in Baden-Württemberg, bei einer Einwohnerzahl von 174.000 beträgt die Bevölkerungsdichte nur 123 Personen/qkm.

Von den 1410 Quadratkilometern Gesamtfläche entfallen 62,4 Prozent auf landwirtschaftliche Nutzung; dies liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt. Der Waldanteil beträgt weitere 27,2 Prozent. Bei den Grünlandflächen nimmt der Streuobstbau einen breiten Raum ein.Im Jahre 1938 erfolgte eine Kreisneubildung, denn die Oberämter Laupheim, Waldsee und Leutkirch wurden aufgelöst und teilweise mit dem Oberamt Biberach vereinigt, so dass damals der Kreis von vormals 42 auf 87 Gemeinden, darunter 4 Städte, angewachsen ist. Die letzte Kreis- und Gemeindereform Anfang der 70er Jahre ließ den Kreis Biberach zu seiner heutigen Größe mit 39 Gemeinden und 6 Städten anwachsen.

 

Obst- und Gartenbau

 

Die Landwirtschaft prägt weithin auch heute noch das Bild des Kreises. Eingebettet in weite Wälder, fruchtbare Felder und grüne Wiesen liegen heimelige Dörfer und betriebsame Städte. Weitbekannt ist das Federseemuseum Bad Buchau, das die Natur und Vorgeschichte des Federseeraumes darstellt, und das Kreisfreilichtmuseum Kürnbach mit seinen Bauerngärten und den Obstgärten, in denen die alten Obstsorten Oberschwabens wachsen und in einem Obstbaumuseum alte Gerätschaften, die im heimatlichen Selbstversorger- und Liebhaberobstbau Anwendung fanden, gezeigt werden.

Schon im Mittelalter gab es in Oberschwaben Obstbau, der vermutlich beim weltlichen Adel und in den Klosteranlagen Schussenried, Ochsenhausen, Heggbach und Obermarchtal seinen Schwerpunkt hatte. Ein Küchenzettel aus dem Kloster Schussenried gibt den Hinweis, denn es werden dort „Aepfellschnize“ erwähnt (1544).

Dieser Zustand hielt bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts an, denn eine wesentliche Ausbreitung des Obstbaues war bis dahin nicht vermerkt. In der Beschreibung des Oberamtes Laupheim wird erwähnt, dass in den Schloß- und Pfarrgärten feinere Tafelobstsorten vorkommen, während sonst nur Mostobst, aber auch „Rosenäpfel“, „Rothe Backäpfel“, „Lederäpfel“ und Mostbirnen gezogen werden.

Einzelne Gemeinden des Illertals schenken dem „Baumsatz“ an der Straße und auch in den Gärten große Aufmerksamkeit. Zwei „Baumwärter“ wurden in Hohenheim ausgebildet. Die Obstbäume wurden meist aus Kernen aufgezogen, uns so ist es nicht verwunderlich, dass bei den später einsetzenden Ernten von Qualität keine Rede sein konnte. Auch konnte niemand veredeln, so dass die Entwicklung des Obstbaues zum Stillstand kam.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde von verschiedenen Seiten, besonders aber durch den Baumschuler Ellwanger aus Fischbach, der Obstbau stark gefördert. Ellwanger führte zahlreiche Gerüstbildner und auch schon den Niederstammobstbau im Kreis Biberach ein. Er sorgte für die Verbreitung der Lokalsorten „Jakob Fischer“. „Sämling von Horn“, „frühe Glasrenette“ und „Reich´s Sämling“.Schon im Jahre 1911 wurde vom Bezirks-Obstbauverein Laupheim ein Antrag beim Oberamt eingereicht, einen Obstbaumwart anzustellen. Auf Grund der Erhebungen in den Gemeinden über das Vorhandensein von Obstbaumwarten oder Sachverständigen war man der Meinung, daß dies als Voraussetzung für die Anstellung des Oberamtsbaumwarts angesehen und zunächst zurückgestellt werden müsse. Durch eine Anfrage des Oberamts Biberach über gemeinsame Anstellung eines Oberamtsbaumwarts und darauf erbetene Äußerung des staatlichen Oberinspektors Winkelmann über den Stand des Obstbaus im Bezirk wurde die Angelegenheit 1914 wieder aufgegriffen.

Die Beschlussfassung aus dem Protokoll des Bezirksrates des Oberamtsbezirks Laupheim lautet gemäß Antrag des Vorsitzenden:

  1. Die Notwendigkeit der Förderung des Obstbaus im Bezirk anzuerkennen
  2. Das Verständnis und das Interesse denselben zunächst dadurch zu fördern, dass die Haltung von Vorträgen und Demonstrationen in weitestem Umfange in der Weise unterstützt wird, dass die hierdurch entstehenden Reisekosten etc. übernommen werden.
  3. Für die Stelle eines Oberamtsbaumwarts als notwendige Voraussetzung anzusehen, dass die Gemeinden sich die Ausbildung von Obstbaumwarten und Anstellung solcher und womöglich Gründung von örtlichen Obstbauvereinen angelegen sein lassen.
  4. Die Amtsversammlung um Zustimmung zu ersuchen.


Das gleiche Gremium hält im Sitzungsprotokoll vom 20. April 1914 fest, dass in der Person des Hauptlehrers Paul Schmidt von hier ein geeigneter „Obstbausachverständiger“ gewonnen worden sei, der sich zur Abhaltung von öffentlichen Vorträgen auf dem Gebiete des Obstbaus und Besuch von Gemeinden, Vorführungen praktischen Demonstrationen bereit erklärt habe.

Im Oberbezirksamt Biberach wurde, so ein Protokoll des Bezirksrats vom 28. Februar 1929, Wert darauf gelegt, dass jede Gemeinde einen geprüften Baumwart angestellt haben sollte. Dem Bezirksrat erschien es sodann zweckmäßig, den Oberamtsbaumwart möglichst für zwei Oberamtsbezirke anzustellen.

Zum 1. April 1929 wurde für die Oberamtsbezirke Biberach und Laupheim endlich ein Oberamtsbaumwart namens Paul Hagmann angestellt. Der Obstbau dehnte sich schlagartig weiter aus und erreichte im Jahr 1951 die Zahl von 435.529 Obstbäumen, während es im Jahr 1850 erst 27.000 waren. In den Jahren 1935 bis 1949 erlebte der Obstbau, bedingt durch die deutsche Geschichte, eine steile Aufwärtsentwicklung, die allerdings durch das Marktgeschehen der 50er Jahre gestoppt wurde. Für die Fachberatung verlagerte sich der Tätigkeitsschwerpunkt auf die „Dorfverschönerung“ Auf diesem Gebiet hat Kreisobstbauamtmann Alfons Braun in den Jahren 1955 bis 1968 Pionierarbeit geleistet.

Ende der 60er Jahre wurden auf Anregung des neuen Leiters der Kreisberatungsstelle für Obst- und Gartenbau, Gartenbauingenieur Bodo Ziesche, im angestammten Aufgabenbereich der Obstbauberatung neue Akzente gesetzt. Er erkannte den ökologischen und landeskulturellen Wert lokaler Sorten und wirke Rodeaktionen und Sortimentsbereinigungen entgegen.

Wertvolle Obstsorten wurden gesammelt und 1974 erstmals ausgepflanzt. Die ursprünglichen ersten 50 Hochstämme mit alten Lokalsorten haben sich bis heute zu einem umfassenden Sortenmuseum mit mehr als 200 Sorten entwickelt. Durch die Unterstützung des Landrates, MdL. Dr. Wilfried Steuer erhielt der Selbstversorger- und Liebhaberobstbau uns somit auch der Streuobstbau des Landkreises eine ungeahnte Förderung. Diese bestand nicht in der finanziellen Bezuschussung beim Kauf von Obstbäumen, sondern in der Aufwertung fachbezogener Veranstaltungen durch Präsenz und Eigeninitiativen wie der Einführung des „Tages des tätigen Umweltschutzes“ am jeweils ersten Samstag im November des Jahres. An diesem Tag werden kreisweit Pflanzaktionen durch die örtlichen Vereine durchgeführt. Auch die von Landrat Dr. Steuer 1982 erstmals ins Leben gerufene Mähkurse mit der Sense stellen einen wesentlichen Beitrag zur Förderung des Streuobstbestandes dar.

Mit Landrat Peter Schneider hat der Obst- und Gartenbau im Landkreis Biberach einen Garanten dafür, dass diese positive Entwicklung auch in absehbarer Zeit anhält. Die Erhaltung der Kreisbaumwartvereinigung mit Lehrfahrten und Schulungen sowie die Nachwuchsförderung durch die Einbindung der Fronmeister haben die flächendeckende Durchführung von Baumschneidekursen alljährlich gesichert.

Fachberatung für Obst- und Gartenbau

Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau in den früheren Oberämtern Biberach, Laupheim, Waldsee, Riedlingen, Landkreis Saulgau, Landkreis Ehingen und dem jetzigen Landkreis Biberach

Die Gemeinden des ehemaligen Landkreises Ehingen wurden von Ernst Baur (s. Alb-Donau-Kreis) betreut. Im ehemaligen Landkreis Saulgau war Martin Renner Tätig. Vor der Zeit von Martin Renner wurde das Oberamt Riedlingen von Oberamtsbaumwart Fluhr fachlich versorgt. 14 Gemeinden des ehemaligen Oberamts Waldsee wurden nach der Eingliederung in den Landkreis Biberach vom dortigen Obstbauinspektor Josef Bertele (s. auch Kreis Ravensburg) bis 1958, dem Jahr als Alfons Braun Fachberater im Kreis Biberach wurde, betreut.

Im Kreis Biberach war Oberamtsbaumwart Paul Marin Hagmann (geb. Am 18. September 1888) von 1927 an tätig, wurde aber erst 1939 zum hauptberuflichen Baumwart des neuen Landkreises. Hagmann war bis 1955 im Dienst des Landkreises und wurde zu seinem Dienstende Ehrenvorstand der Baumwartvereinigung in Biberach und Ehrenmitglied des Landes Württembergischer Baumwarte. Paul Hagmann verstarb im Januar 1964.

Sein Nachfolger wurde 1955 Kreisoberbauamtmann Alfons Braun (geb. am 12. August 1908). Herr Braun war bis z seinem Tod im Jahre 1968 als Berater beschäftigt.

Dipl. Ing. (FH) Bodo Kurt Ziesche (geb. am 9. September 1941) wurde 1969 vom damaligen Kreisrat als Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau gewählt. Herr Ziesche ist bis heute in Biberach tätig.

Seit den 70er Jahren wird die Beratungsstelle auch durch Gärtnermeister praktisch unterstützt. Franz-Josef Steinbreier (geb. am 26.05.1939) war von 1974 bis 1983 bei Landkreis beschäftigt. Seit 1983 hat diese Stelle Gärtnermeister Ludwig Erwin Schwarz (geb. am 12. Juni 1939) inne.