Pressemitteilung

27.11.2019 06:29 Alter: 2 yrs

Einschätzung des Experten: „Erzieherische Hilfen im Landkreis entwickeln sich in eine richtige und respektable Richtung“

Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) bescheinigt dem Jugendamt Biberach eine gute Arbeit in den vergangenen sieben Jahren. Nach Einschätzung seines Experten Dr. Ulrich Bürger entwickeln sich die erzieherischen Hilfen im Landkreis in die richtige und respektable Richtung. Das sagte er vor den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses des Kreises unter Vorsitz von Landrat Dr. Heiko Schmid am Montagvormittag im großen Sitzungssaal des Landratsamtes


Sozialdezernentin Petra Alger (2. von links), Landrat Dr. Heiko Schmid und Jugendamtsleiterin Edith Klüttig folgen interessiert den Ausführungen von Dr. Ulrich Bürger, KVJS (links).

Dr. Bürger ist seit über 30 Jahren im Bereich der Jugendhilfeplanung und -berichterstattung zu den Themen Hilfen zur Erziehung und demografischer Wandel tätig. Regelmäßig wertet er die Daten aller 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg aus und vergleicht sie miteinander.

Fallzahlen in der Erziehungshilfe gehen im Landkreis zurück
Während im Landesdurchschnitt die Fallzahlen bei den ambulanten Erziehungshilfen im Zeitraum zwischen 2011 und 2018 um 14 Prozent zunahmen und die stationären Hilfen nur geringfügig um drei Prozent abnahmen, stellt sich die Situation im Landkreis Biberach ganz anders dar: Die Zahl der stationären Hilfen nahm um 15 Prozent ab, die der ambulanten ging gar um 30 Prozent zurück. Die Gründe hierfür sieht Dr. Bürger einerseits in der Weiterentwicklung und dem Ausbau ganz niedrigschwelliger Hilfen wie beispielsweise den Familienhebammen und der Erziehungsberatung. Dies führt bei den Hilfen zur Erziehung zu einer Entlastung. Andererseits wurde im Bereich der ambulanten Hilfen eine besonders stark vertretene Hilfeart zurückgebaut und gleichzeitig damit angefangen, die anderen Maßnahmen zu stärken und auszudifferenzieren. Das hat auch die Konsequenz, dass die Ausgaben des Kreises in der Hilfe für Erziehung im Zeitraum von 2011 bis 2018 um 5,1 Prozent zurückgingen. Landesweit gingen hingegen die Kosten in diesem Zeitraum bei den Stadt- und Landkreisen um durchschnittlich 39,7 Prozent nach oben. Derzeit gibt der Landkreis insgesamt 12,4 Millionen Euro für die Erziehungshilfe aus. Das sind 63 Prozent des Jugendhilfebudgets von insgesamt 19,6 Millionen Euro im Jahr 2018.


Lob für die hauptamtliche Geschäftsführung

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wies Dr. Bürger die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses darauf hin, dass in den nächsten Jahren die für die ehrenamtliche Jugendarbeit so wichtige Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen stark zurückgehen werde. Da sei der Ausbau des „professionelles Rückgrats“ gefordert. Vor diesem Hintergrund lobte er die Entscheidung zur Einrichtung einer hauptamtlich besetzten Geschäftsstelle beim Kreisjugendring, auch wenn dies in seinen Augen vielleicht noch nicht ausreichend sei, denn so Dr. Bürger, „der Landkreis liegt damit immer noch im unteren Drittel landesweit“.

Nach über 30 Jahren beim KVJS geht Dr. Bürger 2020 in den Ruhestand. Auch bei seinem Abschiedsbesuch schrieb Dr. Ulrich Bürger der Kreisverwaltung und den Kreisräten allerdings noch einige grundlegende Erkenntnisse ins Stammbuch. So wirke die Kinder- und Jugendhilfe nur als Ganzes gut. Es sei daher wichtig, nicht einseitig die stationären Hilfen oder aber die ambulanten Hilfen wie beispielsweise die Soziale Gruppenarbeit auszubauen, sondern die verschiedenen Hilfen in einem sinnvollen und ausgewogenen Verhältnis vorzuhalten. Gleichzeitig dürften auch die vorgelagerten Hilfen wie die allgemeine Beratung durch den Sozialen Dienst oder die Schulsozialarbeit nicht vernachlässigt werden.
Insgesamt müssten auch die Entwicklungen, die sich aus den Veränderungen in der Schullandschaft, beispielsweise durch die Ganztagsschulen, ergeben, in der Jugendhilfe strukturell berücksichtigt werden.

Weitere Angebote in Riedlingen und Bad Buchau
An diese Ausführungen knüpfte die Jugendamtsleiterin Edith Klüttig nahtlos an, als sie die anstehenden Veränderungen im Bereich der ambulanten Hilfen präsentierte. Der Landkreis möchte mit flexiblen Angeboten in der Fläche präsent und für alle betroffenen Kinder und Jugendlichen erreichbar sein. Man wolle deshalb im nächsten Jahr in Riedlingen ein Angebot der Sozialen Gruppenarbeit in eine Kombinationsgruppe umwandeln. Dies bedeutet neben einer Ausweitung des Platzangebotes, dass zusätzlich zu dem sozialen Trainingsangebot auch Kinder mit einem heilpädagogischen Bedarf aufgenommen werden können. In Bad Buchau soll die neue Form eines ambulanten Angebotes etabliert werden: ein sozialer Kompetenzkurs für Kinder in enger Verzahnung mit den schulischen Ganztagesangeboten vor Ort.

Hintergrund
Mit seinen Erkenntnissen und Handlungsvorschlägen hat Dr. Ulrich Bürger über viele Jahre die Entwicklung der Jugendhilfelandschaft im Landkreis Biberach mitgeprägt. Viele seiner Hinweise wurden später in konkrete Maßnahmen umgesetzt. Er prägte auch immer wieder Begriffe, die für die Kreisräte zu geflügelten Worten wurden. So sprach er beispielsweise vom „Verlust der ländlichen Ländlichkeit“ und wollte damit darauf aufmerksam machen, dass – zwar schleichend und langsam – die gesellschaftlichen Veränderungen, die in den Städten schon deutlich spürbar sind und zu sozialen Verwerfungen führen, auch in der schein-bar intakten und heilen Welt auf dem Land ankommen und es notwendig und sinnvoll sei, hierfür frühzeitig strukturelle Vorkehrungen zu treffen.