Rede des Landrats anlässlich der Amtseinsetzung am 9. Oktober 2014 in Ochsenhausen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren Kreisräte,
lieber Herr Minister Gall,
meine Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Regierungspräsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren (Ober)- und Bürgermeister, allen voran Herr Diesch,
Herren Dekane Koepff und Schänzle,
liebe Frau Lott, liebe Familie und Freunde,
und jetzt würde mein geschätzter Vor-Vor-Gänger Dr. Steuer sagen:
Meine lieben oberschwäbischen Landsleute,

zunächst einmal vielen Dank liebe Gäste, meine Damen und Herren, dass Sie mir heute die Ehre geben, Herrn Dr. Weigele und Frau Sonntag mit ihrem Team, dass wir überhaupt hier sein können, diese tollen Räumlichkeiten, das Ambiente, eine wundervolle Musik und gleich einen genauso bezaubernden Empfang genießen können.

Danke den Musikerinnen und Musikern Lisette Spinnler, Gesang, Bobbi Fischer, Klavier, Veit Hübner, Kontrabass, Torsten Krill, Schlagzeug. Danke Herrn Dahler für die Sitzungsleitung und Begrüßung, Herrn Regierungspräsidenten Hermann Strampfer für die rasche und freundliche Einsetzung, Herrn Bürgermeister Peter Diesch und Frau Personalratsvorsitzende Gabriele Lott für Ihre ebenso freundlichen Worte und Ihre ausgestreckten Hände, in die ich gerne einschlage.

Danken möchte ich ganz besonders Ihnen, verehrter Herr Minister, lieber Reinhold Gall, für Ihr Kommen und die Ehre zu uns zu sprechen, für Ihre ermunternden Worte.

Wir wollten eigentlich gar keine Feier, sondern am Ende einer Sitzung halt die erforderliche Einsetzung mit dem Kreistag durchführen. Dann kam der Anruf Ihres Ministerialdirektors, dass Sie diese gerne selbst machen würden. Insofern haben alle hier den heutigen Abend Ihnen zu verdanken.

Sehr gerne haben wir, habe ich, diese nicht selbstverständliche, sehr freundliche Geste angenommen. Gleichwohl und dies ist kein Widerspruch, auch wenn Sie jetzt auf die Uhr schauen, war es mein/unser Ziel, diesen Abend kurz und knackig zu gestalten, allerspätestens in 1 ½ Stunden woll(t)en wir durch sein und das werden wir auch schaffen.

Zuvor will ich Ihnen noch ein bisschen was zumuten und auch die Landratswahl aus meiner Sicht nochmals reflektieren.

Zu diesem Thema möchte ich Sie mit drei Zitaten erfreuen.

Den Anfang macht kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe, der unter der Überschrift „meine Wahl“ gereimt hat:

„Ich liebe mir den heitern Mann am meisten unter meinen Gästen. Wer sich nicht selbst zum Besten halten kann, der ist gewiss nicht von den Besten.“

Also auf einen heiteren Abend, auf uns heitere Gäste.

Goethe reiste auch gerne, zog daraus Inspiration, schrieb Reisetagebücher – und auch ich möchte zu einer Reise aufbrechen, eine Reise, die ich mit der Bekanntgabe des Ziels am 13. November 2013 begann. An diesem Tag habe ich im Kreistag gesagt, dass ich erneut für die Wahl des Landrats kandidieren werde. Ich habe mir dieses Reiseziel gemeinsam mit meiner Familie gut überlegt, weil ich aus den vergangenen acht Jahren wusste, was auf mich zukommen kann.

Ich erinnerte mich an viele schöne Momente wie beispielsweise die Eröffnung der NWU, die feierliche Einweihung der sanierten und erweiterten Kilian-von-Steiner-Schule, den Wiedereintritt in den KAV, die engagierten und erwartungsvollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landratsamt, die Umstellung der Abfallwirtschaft vom Bring- zum Holsystem, die Konzerte mit der KJK, die vielen schönen Begegnungen mit den herzlichen und positiv oigenen Menschen, in diesem unserem Landkreis.

Ich erinnerte mich natürlich auch an andere Momente: an aufgebrachte Menschen, die die Kreisräte und mich als Lügenpack lautstark beschimpften, die mit Trillerpfeifen eine sachliche Diskussion – ich sag’s mal zurückhaltend – sehr schwer machten. Es war nicht 8 Jahre Honig schlecken

Doch, als mein Reiseziel anschließend in der Zeitung nachzulesen war, erhielt ich von überraschend vielen aus der Wirtschaft, von den Verbänden, von Schulleitern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Bürgermeistern und Vereinsvorständen einen unglaublichen Zuspruch durch Mails, Briefe, Anrufe. Auf Terminen oder am Samstagmorgen auf dem Markt wurde ich von vielen Bürgerinnen oder Bürgern angesprochen, die mir die Daumen drückten. Da habe ich aufrichtige und große Bestätigung für das Ansteuern meines Zieles gespürt.

Dass es bis dahin noch ein steiniger Weg sein würde, war mir als jemanden, der gerne in die Berge geht, klar, zumal auch noch Kreistagswahlen anstanden.
Auf diesem Weg lagen etliche Steine, kleine und große. Einzelne haben gar versucht, mich damit zu bewerfen: und glauben Sie mir, auch ein kleiner Kiesel kann weh tun, wenn man ihn nicht kommen sieht, wenn er an der entsprechenden Stelle trifft, in diesem Fall meine Familie, oder er gar aus dem Hinterhalt geworfen wird.

Danke nochmals den vielen Menschen, die mir in dieser Zeit so unglaublich empathisch, mitfühlend und motivierend begegnet sind. Danke denen, die mich aktiv begleitet haben, sich vor mich gestellt und mich geschützt haben.
Danke, lieber Wilfried Steuer, Danke Mario Glaser, Franz Lemli, Monika Koros-Steigmiller und Elmar Braun als die namhaftesten Fraktionsvertreter. Danke Herren Dekane Sigmund Schänzle und Hellger Koepff, Pfarrer Albert Menrad, Pater Alfred Tönnis, Herrn Oberbürgermeister Norbert Zeidler, Herrn Günther Wall für viel Rat und Tat.

Am Etappenziel, am 11. Juli, konnte ich mich noch gar nicht wirklich freuen. Es war bis dahin einfach verdammt anstrengend, emotional und aufwühlend. Ich dachte an meine Familie, mich beschäftigten Fragen nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit.

Und an dieser Stelle mein zweites Zitat zum Thema Wahl. Es stammt von Michel Noir, Bürgermeister von Lyon und bekannter französischer Politiker:

„Es ist besser eine Wahl zu verlieren, als seine Seele.“

Ich habe die meine weder verloren, noch verkauft.

Und ich freue mich heute umso mehr wieder vor Ihnen zu stehen, mit Ihnen die Fortführung des Weges, das Ansteuern neuerlicher Etappenziele anzugehen.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Herr Dahler hat in seiner Begrüßung daran erinnert, wie er mir vor acht Jahren ein Steuerrad übergab. Mit diesem Steuerrad habe ich das Schiff auf Kurs gehalten, wir haben große Wellen gemeistert, Klippen umschifft, Blitz und Donner überstanden und sind mittlerweile Gott sei Dank wieder in ruhigen Gewässern angelangt.

Die großen Herausforderungen bei der infrastrukturellen Weiterentwicklung des Kreises wie Schulhausbau, Erweiterung Landratsamt, Kreisstraßenausbau, aber auch das Thema stationäre Gesundheitsversorgung haben wir gemeinsam und in großer Einigkeit in den vergangenen acht Jahren bewältigt.

Jetzt gilt es das Schiff mit Herz, Verstand und ruhiger Hand zu führen, auch gemäß des Sprichwortes: „Man kann den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“.

Das Schiff Landratsamt - ich spreche auch gerne von einem Tanker - wurde mittlerweile grundlegend saniert beziehungsweise modernisiert, es hat eine hoch-motivierte Mannschaft, es hat ein klares Ziel und ich werde die Segel zum Teil anders setzen.

Das funktioniert heute nicht mehr mit einem althergebrachten Steuerrad sondern mit Joysticks und Panels, so wie es sich für eine moderne Verwaltung gehört.

Ich will gemeinsam mit dem Kreistag, mit den Beamten und Beschäftigten des Landratsamtes gedeihlich vorankommen. Schnell, sicher, ohne großen Wellenschlag.

Gleichwohl wird diese Reise in der anstehenden Periode durchaus spannend. Keine Angst vor Langeweile! Ich will mich dieses Mal noch mehr um die Mannschaft kümmern, ihr mehr Zuwendung geben und mich noch intensiver um die Steuerung interner Prozesse kümmern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das verdient. Vor wenigen Tagen haben wir mit den Dezernenten und Amtsleitern bereits ausführlich darüber gesprochen.

Außerdem erlaube ich mir immer wieder auf die originären Zuständigkeiten zu verweisen. So wichtig die Themen B 312, B 465, Südbahn, Donaubahn, die Polizeireform und vor allem die medizinische Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum sind: Hier haben wir nur marginale, in aller Regel gar keine eigenen Karten im Spiel. Der Ball liegt oft in anderen Spielfeldern, z. B. beim Land, beim Bund, bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Ich werde dann zu gegebener Zeit jeweils die Reiter beim Namen nennen.

Gleichwohl gilt für uns alle der Grundsatz: Wie ein Euro ausgegeben wird, entscheidet über die Zukunft eines Staates, eines Landes, eines Kreises. Man kann ihn sparen. Oder man kann ihn in Bildung oder Infrastruktur investieren – womit er zur Grundlage für künftigen Wohlstand, technischen Fortschritt, zusätzliche Arbeitsplätze und soziales Wohlergehen wird.

Der Landkreis hat sich in der Vergangenheit für letztere Alternative entschieden. So will ich es auch künftig halten. Bildung, Integration und Infrastruktur stehen einmal mehr ganz oben auf der Agenda.

Wir müssen uns in dieser Periode, auf unserer nächsten Reiseetappe, mit der Weiterentwicklung des Abfallwirtschaftssystems mit oder ohne Biotonne entscheiden. Wir stehen vor der Frage, wie es im ÖPNV weitergeht, vor dem Hintergrund eines immer weiter ausdifferenzierten Schulsystems und dem Rückgang von Schülerzahlen.

Die Menschen in diesem Landkreis erwarten im Zusammenspiel mit der Sana AG, mit der Ärzteschaft und den Initiativen vor Ort, endgültige Antworten auf die medizinische Versorgung im ländlichen Raum. Es gilt für die nächsten Jahre, diesen Prozess kontinuierlich und erfolgreich im Rahmen des durch den Kreistag erteilten Mandats zu Ende zu führen, wie auch den Neubau in Biberach zu realisieren. Die Ampeln stehen auf grün.

Die Grundlagenarbeit für KFZ-Zulassungsstellen in Laupheim und Ochsenhausen/Illertal ist fast erledigt. Spätestens im Frühjahr 2015 soll hier eine endgültige Entscheidung durch den Kreistag erfolgen.

Und was das digitale Zeitalter anbelangt, so sollten wir in dieser Periode die Breitbandinitiative für den Landkreis in Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden revitalisieren und mit neuem Schwung versehen.

Besonders wichtig ist mir, dass vor Ort, in den Städten und Gemeinden durch kluge Rahmenbedingungen Familien und Unternehmen im Einklang mit der Ökologie und Landwirtschaft Fuß fassen können.

Dabei erlaube ich mir, die eigenen Zuständigkeiten und Kompetenzen auszufüllen und zu nutzen, auch wenn die Gefahr besteht, dadurch angreifbarer zu werden.

Eine, wenn nicht gar die größte gesellschaftliche Herausforderung in den kommenden Jahren, wird die menschenwürdige Unterbringung und Betreuung von Asylbewerbern und Flüchtlingen sein. Über 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. So viel wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Wenn man die Bilder aus Syrien, oder dem Irak an der Grenze zur Türkei sieht, dann kann man nur erahnen, welches Leid die Menschen erfahren, welche Tragödien und Schicksale sich abspielen. Die Weltgemeinschaft ist im Sinne der Menschlichkeit aufgefordert, zu helfen.

Hilfe leisten, aber auch ganz konkret hier vor Ort, wenn die Menschen zu uns kommen, sie um Unterkunft, Verpflegung und Sicherheit bitten. Das sind wir den Flüchtlingen schuldig.

Und dafür tun wir als Landkreis was möglich ist. Gleichwohl stehen wir zusammen mit den Städten und Gemeinden mit dem Rücken zur Wand. Bis zum Ende des Jahres erwarten wir weitere 160 Flüchtlingen zu den bereits 750 Menschen, die bereits in unseren Unterkünften leben. Nach den heutigen Einschätzungen kommen 2015 weitere 500 zu uns. Ich wage die Prognose, dass auch danach der Flüchtlingsstrom nicht abreißen wird.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

uns gehen die Unterkünfte aus, die ehrenamtlich Engagierten kommen an den Rand ihrer Belastungsgrenze, die Kirchen unterstützen uns, wo sie nur können. Die Flüchtlinge, die ehrenamtlichen Kräfte und die Kirchen brauchen eine professionelle Begleitung durch den Kreis.

„Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“  - Sie erinnern sich?

Sie sehen, verehrte Kreisräte, liebe Gäste,

die Reiseetappen und Reiseziele gehen uns nicht aus. Ich freue mich auf Sie, ich freue mich auf viele Mitreisende, ich werde Sie, die mich gewählt haben, nicht enttäuschen. Sie werden die Bestätigung erhalten, richtig entschieden zu haben. Aber um es auch klar zu sagen, ich bin nicht der Meinung von Walther Tröger, dem ehemaligen NOK-Chef, der gesagt hat – und das ist mein letztes Zitat zum Thema Wahl:

„Wer mich nicht wählt, der hat mich nicht verdient.“

Für mich wird umgekehrt ein Schuh daraus: Ich will Gräben schließen, Brücken bauen, Schiffe fahren lassen. Und: Ich freue mich auf viele Begegnungen und Kontakte mit den Menschen im Landkreis, mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Gleichwohl habe ich mir für die kommenden Jahre auch eines vorgenommen: Ich gehe an einem Abend nur noch auf eine Veranstaltung, um auch ganz da zu sein, mit voller Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich werde dann zu anderen Anlässen den neuen ersten Landesbeamten Walter Holderried, Dezernenten oder auch Amtsleitungen mit meiner Vertretung beauftragen und bitte dafür um Verständnis.

Und Verständnis setze ich auch voraus, wenn ich mir mehr Zeit für meine Familie nehme. Als ich so alt war wie meine Kinder, war mein Vater Bürgermeister in Albstadt. Gerade an den Wochenenden, wenn keine Schule war, war er dienstlich unterwegs, ich mit meiner Mutter, meinem kleinen Bruder allein zu Hause. Mein Vater starb mit 56 Jahren. Und je älter ich wurde, desto mehr spürte ich, wie mir mein Vater fehlte.

Meine Frau und meine Kinder mussten in den vergangenen Jahren oft auf ihren Ehemann und Vater verzichten. Das kann ich zwar nicht nachholen, dennoch will ich für meine Familie mehr da sein: denn gerade ihr wart es, die mich in den vergangenen schwierigen Monaten immer unterstützten, Halt und Geborgenheit gaben. Diese Zeit hat uns noch mehr zusammengeschweißt, wir sind durch dick und dünn gegangen. Dafür, liebe Gabriele, Swea, Finn, Lasse und Inga von Herzen Dank.

Aus dem Afrikanischen ist folgende Weisheit überliefert: „Schnell, schnell - das ist keine Reise. Reisen heißt, sich Zeit zu nehmen. (Vite, vite - ceci n'est pas un voyage. Voyager, c'est prendre son temps.)“

Das gilt auch für Reisen in Gedanken, für Reisepläne, für Ziele ansteuern, für gemeinsames Philosophieren, für Begegnungen wie heute. Nehmen Sie sich noch Zeit, bleiben Sie noch da. Ich freue mich auf Sie.