Rede des Landrats anlässlich der Einbürgerungsfeier am 27. Juni 2015 in Kürnbach

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Deinet,
sehr geehrter Herr Ministerialdirektor Prof. Dr. Hammann,
sehr geehrte Damen und Herren des Kreistages und Vertreter der Fraktionen, Bürgermeister
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

bisher fand die Einbürgerungsfeier immer im großen Sitzungssaal des Landratsamtes statt. Dieses Jahr haben wir einen anderen Veranstaltungsort und eine neue Veranstaltungsform gewählt: Das Museumsdorf Kürnbach mit seinen bunten Kultur- und Freizeitmöglichkeiten. Und das nicht ohne Grund: Das Museumsdorf bietet ein schönes Rahmenprogramm für die ganze Familie, das Sie hoffentlich in den vergangenen anderthalb Stunden genießen konnten.

Und deshalb gilt mein besonderer Gruß Ihnen, liebe neuen deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mir Ihren Familien, Angehörigen und Freunden. Sie stehen heute im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Ebenso herzlich begrüße ich Sie, lieber Prof. Dr. Hammann. Als Ministerialdirektor im Ministerium für Integration sind Sie neben der Ministerin der wichtigste Mann in diesem Ministerium. Lieber Wolf, schön dass Du da bist. Schön, dass Du dir die Zeit genommen hast, was keine Selbstverständlichkeit ist – gerade in der jetzigen Zeit.

Ein herzlicher Gruß auch den Vertretern aus den einzelnen Kreistagsfraktionen und Herrn Bürgermeister Binder aus Uttenweiler sowie Ihnen allen, die Sie heute zu uns gekommen sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Museumsdorf mit seinen über 30 Häusern ist eines der vielen kulturellen Highlights im Landkreis. Und die Häuser aus fünf Jahrhunderten stehen nicht nur für ein reiches kulturelles Erbe, sondern auch für eine ständige Weiterentwicklung.

Diese Weiterentwicklung betrifft nicht nur die Gebäude, sondern auch die Menschen, die darin wohnten – es betrifft das gesellschaftliche Umfeld, das Leben mit-einander: in einer Gemeinde, einem Landkreis, einem Land, einem Staat.   

Zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung haben immer schon Menschen aus anderen Ländern beigetragen. Auch bei uns im Landkreis, in dem derzeit 14.700 Menschen leben, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp 190.000 Personen liegt die Ausländerquote gerade einmal bei 7,7 Prozent, landesweit bei 11,9 Prozent und in der Schweiz als weiteres Beispiel bei  23 Prozent. 

Seit der letzten Einbürgerungsfeier am 31. Oktober 2013 haben 266 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und erhalten  (2013: 180, 2014: 161, 2015: bislang 74).

Sie, liebe neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, haben sich bewusst für diesen Schritt entschieden. Viele Erwartungen sind an diese Entscheidung geknüpft – einige werden erfüllt, andere enttäuscht.

Werfen wir einen Blick darauf, welche Beweggründe Sie zu diesem Schritt führ-ten. Ich möchte Ihre Motivationen nicht verallgemeinern. Ihre Biografien sind ebenso individuell und einzigartig wie Sie selbst. Vielleicht gelingt es jedoch, einige Tendenzen auszuloten.

Einige von Ihnen sind bereits in Deutschland geboren. Ihre Eltern oder Großeltern haben sich dafür entschieden, hier zu leben. Teilweise sind Ihre Familien so gut integriert, dass Sie nur einen Unterschied auf dem Ausweisdokument feststellen können. Leben Sie nach anderen kulturellen Vorstellungen, die eine andere Lebensgestaltung unterstreicht, ist das natürlich genauso gut.

Es kommen auch einige Menschen nach Deutschland, um die guten Ausbildungschancen an der Hochschule zu nutzen. An der Hochschule Biberach studieren derzeit acht Prozent ausländische Studentinnen und Studenten. Glücklicherweise nehmen viele nach dem Studium eine Arbeit im Landkreis Biberach auf.

Eine andere Gruppe von Menschen kommt nach Deutschland, die bereits gut ausgebildet ist. Sie arbeiten in den hier ansässigen Firmen. Aus einer Entscheidung, die zu Beginn nur der Karriere diente, entwickeln sich mit der Zeit Freundschaften und ein Zu Hause.

Andere Menschen kommen nach Deutschland, weil sie in ihrem Land vor Verfolgung und ausweglosen Situationen flüchten. Sie lassen alles Vertraute hinter sich und brechen in eine neue Zukunft auf. Diese Menschen suchen einen sicheren Platz in ihrem Leben und stehen vor großen Herausforderungen.

Die Flüchtlingspolitik ist momentan ein wichtiges Thema für Deutschland, für das Land, für den Landkreis, die Städte und Gemeinden. Als Landkreis wollen wir die Menschen würdig, schwäbisch anständig, unterbringen. Angesichts der derzeit vor-liegenden Zugangszahlen wird das aber immer schwieriger. Zurzeit leben knapp 1.200 Flüchtlinge und Asylbewerber im Kreis. Bis Ende des Jahres erwarten wir weitere 700 Menschen. Uns fehlen derzeit 420 Plätze und wir hoffen, dass es uns gelingt, den schwäbisch anständigen Wohnraum bis Ende des Jahres zu schaffen.  Zum Vergleich: 2012 lebten rund 300 Asylbewerber in den 45 Städten und Gemeinden.

Im Landkreis Biberach haben wir eine Willkommenskultur, auf die wir stolz sind und an der wir kontinuierlich arbeiten – sowohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landratsamt Biberach als auch über 400 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.

Liebe neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger,

Sie haben über die aufgeführten Gründe hinaus zahlreiche individuelle Motivationen, die Sie zu diesem Schritt führten. Ich freue mich über Ihre Entscheidung. Und ich möchte Sie ermutigen, die damit verbundenen Möglichkeiten auch zu nutzen. Sie besitzen seit Ihrer Einbürgerung das politische Wahlrecht. Nutzen Sie Ihre Stimme.

Sie können nun auch selbst ein politisches Amt ausüben und unsere Gesellschaft mitgestalten. Unser Land braucht Menschen, die sich einbringen.

Und ich möchte Sie noch in anderer Hinsicht ermutigen: Unser Land, unser Land-kreis, die Städte und Gemeinden brauchen Vielfalt. Gehen Sie auf die Leute zu und erläutern Sie ihren kulturellen Hintergrund. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Menschen ohne Migrationshintergrund eine gesunde Neugier dem Fremden gegenüber haben. Aufeinander zuzugehen ist Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Wir leben in einem ständigen Prozess und wir leben von der Entwicklung.

Unsere persönliche Identität ist ebenso einem steten Wandel unterzogen wie eine plurale Gesellschaft. Das ist gut so: Niemand sollte im Mittelpunkt seiner An-sichten stehenbleiben. Das wäre Stagnation. Innovation braucht den Einfluss von außen. Und diesem Einfluss sollten alle ohne Ressentiments gegenüberstehen. Dabei helfen Toleranz, Akzeptanz und Geduld - ein gegenseitiges Nehmen und Geben.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen noch einmal zu dem Entschluss, Deutsche zu werden.  Schön, dass Sie heute hier her gekommen sind. 
 
Ich danke an dieser Stelle bereits herzlich:

Frau Olga Vintonyak und Herrn Gul Scherzai, die ich im Anschluss einbürgern darf. Herr Scherzai hat sich bereit erklärt, durch einen Redebeitrag diese Feier mitzugestalten. Vielen Dank dafür. Ich danke außerdem den „Russ-Buben“ für die musikalische Umrahmung sowie der Kinder-tanzgruppe der Siebenbürger Sachsen unter der Leitung von Frau Göddert.