Rede des Landrats anlässlich der Feierlichkeiten zu 25 Jahre Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 auf dem Bussen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Pfarrer Menrad als Haus-herr des Bussens,
sehr geehrte Bürgermeister, Abgeordnete, Kreis-, Gemeinde- und Ortschaftsräte,
sehr geehrter Herr Dekan Schänzle,
sehr geehrte Pfarrerin Sauer,
lieber Dr. Wilfried Steuer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

allem voran ein herzliches Dankeschön an Dekan Schänzle und Pfarrerin Sauer für den ökumenischen Gottesdienst. Ebenso herzlichen Dank an Pfarrer Menrad, der uns mit der Bussenkirche den Rahmen für die heutigen Feierlichkeiten zur Verfügung gestellt hat.

So konnten wir mit einem ökumenischen Gottesdienst auf 25 Jahre Deutsche Einheit zurückblicken. Der Gottesdienst wurde mit dem Segen und dem Lied „Nun danket alle Gott“ beendet. Bei diesem Lied bekam ich Gänse-haut, weil ich daran dachte, in welchem historischen Kontext es vor fast genau 60 Jahren gesungen wurde.

1955 hatte Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau erwirkt, dass die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion freigelassen wurden. Es war die Rückkehr der 10.000. Am 7. Oktober 1955 kamen die ersten 600 Heimkehrer von rund 10.000 Kriegsgefangenen mit Zügen und Bussen in Westdeutschland (Friedland) an und sangen „Nun danket alle Gott“.

Die Teilung in Ost und West war damals aber schon besiegelt. Der Kalte Krieg bereits in vollem Gange. Gleichwohl haben uns die Mütter und Väter des Grundgesetzes 1949 folgenden Satz in der Präambel als Auftrag mit auf den Weg gegeben: „Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit zu vollenden.“

Ein erster zarter Versuch dazu am 17. Juni 1953: Der Volksaufstand in der DDR wurde aber mit brachialer Gewalt, Waffen und mit russischen Panzern niedergeschlagen. Anstatt sich in den kommenden Jahren anzunähern, wurde im Jahr 1961 mit dem Mauerbau die Teilung der beiden deutschen Staaten im wahrsten Sinne des Wortes zementiert.

Im Jahr 1989 dann die friedliche Revolution der Menschen in der DDR, die in der Forderung „Wir sind das Volk“ lautstark wurde und ihren Höhepunkt im Mauerfall am 9. November 1989 hatte.

Erste unabhängige Volkskammerwahlen im März 1990, die Ratifizierung der Beitrittserklärung und des Einigungsvertrags im August 1990, 2+4-Gespräche und -Vertrag der BRD, DDR und der vier Siegermächte und dann die bewegende Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem Brandenburger Tor am 2. Oktober kurz vor Mitternacht. Die Ereignisse im Jahr 1989 und 1990 waren unglaublich, sie waren unglaublich spannend, unglaublich bewegend und unglaublich politisch prägend. 

65 Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, 60 Jahre nach der Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Russland, 54 nach dem Mauerbau können wir heute auf 25 Jahre Wiedervereinigung mit Dank zurückblicken.
Und vor genau 25 Jahren sprach an meiner Stelle Alt-Landrat Dr. Wilfried Steuer hier vor der Bussenkirche. Schön, dass Sie auch heute mit dabei sind. 

Lieber Herr Dr. Steuer, neben Ihrer Freude über das vereinte Deutschland, zeigten Sie sich vor 25 Jahren nicht nur euphorisch, sondern ließen auch Stimmen der Vernunft und des Ansporns verlauten. Ich darf aus Ihrer Re-de vom 3. Oktober 1990  zitieren:  

„Doch täuschen wir uns nicht: Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik löst nicht auf einen Schlag alle Probleme, die 40 Jahre Sozialismus und sozialistische Misswirtschaft verursacht haben. Die Angleichung der Lebensverhältnisse, die Sanierung von Politik, Wirtschaft und Umwelt bleiben gewaltige Aufgaben. Doch warum soll uns heute nicht gelingen, was wir im Westen vor nunmehr 45 Jahren, nach einem verlorenen Krieg, unter viel schlechteren Bedingungen bereits geschafft haben? Gehen wir mit Mut, Gottvertrauen und Optimismus an die Arbeit, dann wird uns das große Werk gelingen.“ 

Sie hatten mit vielem Recht. Das vereinte Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Wir können stolz sein auf Demokratie, einen Rechtsstaat im Geiste der Menschenrechte, die soziale Marktwirtschaft, Umwelt- und Naturschutz und Wohlstand.

Wohlstand gibt es zwar nicht flächendeckend und für jeden im Sinne des „Westdeutschen Standards“ in Deutschland. Die Situation hat sich aber vor allem für die Menschen in der ehemaligen DDR deutlich verbessert. Trotz-dem gibt es 25 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch Unterschiede zwischen Ost und West, wie eine groß angelegte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kürzlich zeigte.

Die Bevölkerung in Ostdeutschland nimmt ab, während sie in Westdeutschland zulegt. Die Arbeitslosenquote ist im Osten markant höher als im Westen. Das Bruttomonatsgehalt der Ostdeutschen ist durchschnittlich um ein Viertel geringer als das der Westdeutschen. Es liegen also noch Aufgaben für uns alle vor uns.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
der 3. Oktober ist der wichtigste gesamtdeutsche Feiertag in unserer jüngsten Geschichte. Wir möchten heute 25 Jahre Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte feiern. Wir wollen uns heute über ein Deutschland freuen, in dem die Freiheit des Einzelnen als unabdingbares Menschenrecht gilt. Wir können heute stolz darauf sein, Grenzen überwunden zu haben. Wir wollen heute aber auch der vielen Toten gedenken, die zwischen Mauer und Stacheldraht ihr Leben ließen. Und wir wollen uns in Dankbarkeit an die Menschen erinnern, die maßgeblich zur Wiedervereinigung beigetragen haben. An Politiker sowie an Bürgerinnen und Bürger, die für ihre Rechte kämpften.

Erreicht haben wir ein gemeinsames Grundgesetz, in dessen ersten Artikel steht: „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Darauf sollten wir uns besinnen. Vor allem in der Herausforderung mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen.

Historisches Bewusstsein fördert ein gutes politisches Gespür. Ich wünsche mir, dass wir intelligent mit Geschichte umgehen, aus ihr lernen und in einem demokratischen Staat keinen Platz für Fremdenhass und Intoleranz dulden.

Die Teilung in West- und Ostdeutschland war eine widernatürliche Spaltung, die wir glücklicherweise überwunden haben. Die Wiedervereinigung war das Zusammenrücken eines geteilten Deutschlands in einem vereinten Europa.

Dieses vereinte Europa steht als europäische Solidaritätsgemeinschaft nun vor einer großen Herausforderung. Der Umgang mit den Flüchtlingsströmen wird uns noch lange Zeit beschäftigen. Wenn alle an einem Strang ziehen und Europa zusammenrückt, können wir auch diese Herausforderung meistern. Lasst uns das gemeinsam anpacken. Mit Mut, mit Tatkraft und mit Gottvertrauen. Möge uns das Lied „Nun danket alle Gott“ auch heute Kraft spenden.“ Drum „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden.“