Rede des Landrats anlässlich des 100. Jubiläums der Kaufmännischen Schule in Biberach (Gebhard-Müller-Schule) am 13. November 2009 in der Aula der Gebhard-Müller-Schule

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
werte Gäste,

zunächst möchte ich mich sehr herzlich bei der Kreisjugendmusikkapelle unter der hervorragenden Leitung von Tobias Zinser für die musikalische Eröffnung der heutigen Feierlichkeiten mit Pomp und Circumstance von Edgar Elgar bedanken. Den Marsch „Pomp and Circumstances“, den sich Edward VII. für seine Krönungsfeierlichkeiten wünschte, wurde mit den Worten „Land of Hope and Glory“ unterlegt und wurde fast so beliebt wie die offizielle Nationalhymne God Save the Queen und zur Regionalhymne Eng-lands. Sie, lieber Herr Zinser, werden zusammen mit der Kreisjugendmusikkapelle den heutigen Festakt zum 100-jährigen Jubiläum noch weiter musikalisch begleiten und ich glaube im Sinne aller Anwesenden sprechen zu können, wenn ich sage: „Wir freuen uns darauf.“

Möge aber dieser eindrückliche Anfang auch ein gutes Omen für den weiteren Verlauf des Festaktes am heutigen Freitag, den 13. sein, zu dem ich Sie sehr herzlich im Namen des Landkreises, im Namen der Schulleitung aber auch persönlich willkommen heiße.

Ich grüße in unserer Mitte ganz besonders die Abgeordneten aus Europa, Bund und Land. Mein Gruß gilt gleichermaßen den Mitgliedern des Kreistages, allen Bürgermeistern aus dem Landkreis aber auch allen, die in anderen kommunalen Gremien Verantwortung tragen.

Herzlich willkommen heiße ich insbesondere die Abteilungsleiterin im Regierungspräsidium und zuständige Frau für Gymnasien und das berufliche Schulwesen im Regierungspräsidium Tübingen Frau Dr. Susanne Pacher. Ich weiß es und kann es auch ein Stück weit abschätzen, dass Sie, liebe Frau Dr. Pacher, zurzeit viel zu tun haben, eine Reform jagt die andere. Umso mehr freue ich mich, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, um bei uns zu sein und um anschließend auch ein Grußwort zu sprechen. In diesen Gruß schließe ich auch Herrn Schulamtsdirektor Wolfgang Mäder mit ein – und ich will es so sagen – ein Leidensgenosse von Ihnen, sehr geehrte Frau Dr. Pacher. Sie beide sind derzeit wirklich nicht zu beneiden. 

Ich grüße stellvertretend für alle Ausbildungsbetriebe Frau Ruth Berg. Frau Berg ist Ausbildungsleiterin bei der Firma Handtmann und Vorsitzende des IHK-Ausbilderarbeitskreises. Mit ihr begrüße ich auch die Elternbeiratsvorsitzende hier an der Gebhard-Müller-Schule Astrid Postbiegel, bei der Firma Boehringer-Ingelheim zuständig für kaufmännische Ausbildung.

Ein herzliches Grüß Gott entbiete ich auch den anwesenden Schulleiterinnen, Schulleitern (insbesondere Frau Granacher-Buroh, diese Woche 50. Ge-burtstag und Frau Ostermeyer), die Lehrerinnen und Lehrer unter uns und möchte dafür stellvertretend für alle den Hausherr dieser Schule, Sie, lieber Herr Hagel, besonders erwähnen. Zusammen mit unserer Schulverwaltung haben Sie das Programm des heutigen Nachmittags zusammengestellt. Dafür an dieser Stelle bereits mein herzlicher Dank.

Ich freue mich auch Thomas Müller begrüßen zu dürfen. Thomas Müller ist Sohn von Gebhard Müller, dem Namesgeber unserer Schule. Lieber Herr Müller, schön, dass Sie da sind.

Meine Begrüßung habe ich so allgemein wie möglich gehalten, denn es sind einfach zu viele Persönlichkeiten aus Schule, Verwaltung, Wirtschaft, Kirchen und Gesellschaft unter uns. Seien Sie aber versichert, dass Sie mir, dass Sie uns alle sehr herzlich willkommen sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

können Sie sich vorstellen, dass Ihre Kinder sonntags zur Schule gehen? Was würden Sie sagen, wenn Ihr Sohn, der eine Lehre macht, nach einem Arbeitstag von 10 Stunden abends noch die Schulbank drücken müsste und ihre Tochter eine kaufmännische Schule überhaupt nicht besuchen dürfte? Diese Verhältnisse waren im beruflichen Schulwesen vor über 100 Jahren gang und gäbe.

Heute fast unvorstellbar ist die Tatsache, dass vor über 100 Jahren ein Tagesunterricht für Lehrlinge die Ausnahme war und aus Sicht der Betriebe vollkommen abgelehnt wurde.

Erst mit Inkrafttreten des „Gesetzes betreffend die Gewerbe- und Handelsschulen in Württemberg“ am 1. April 1909 wurde der Tagesunterricht durch ausgebildete Lehrer und die Trennung der Schulen in eine Gewerbe- und Handelsschule verpflichtend. In Biberach wurden diese Schularten unter der Trägerschaft der Stadt Biberach im Mai 1909 eingeführt.

Und so feiern wir heute eigentlich nicht nur das 100-jährige Bestehen der kaufmännischen sondern auch der gewerblichen Berufschule. Auf eigenständige Feierlichkeiten hat die heutige Karl-Arnold-Schule jedoch verzichtet, da sie im vergangenen Jahr „100 Jahre Meisterschule für das Bauhandwerk“ feierte und in zwei Jahren das 25-jährige Jubiläum der Namensgebung ihrer Schule begehen wird.

Waren es anfangs 14 Schüler (nicht Schülerinnen; Mädchen wurden erst ab 1915 zur Handelsschule zugelassen), so unterrichtet die Schule heute knapp 1.700 Schülerinnen und Schüler. Sie ist damit eine der größten kaufmännischen Schulen im Land Ba-den-Württemberg.

Zirka 30.000 Schülerinnen und Schüler haben die kaufmännische Schule in diesen 100 Jahren jeweils für die Dauer von durchschnittlich 2,5 bis 3 Jahren besucht; dagegen ist die Anzahl der Schulleiter, die die Schule in 100 Jahren geführt haben, mit sechs relativ gering. Dies ist jedoch dann nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass allein der erste Schulleiter Georg Knoll 40 Jahre lang der Schule vorstand. Ihm folgten August Löhle bis 1959, Bruno Teichgraber bis 1975, Alfons Baumgärtner bis 1991, Werner Dorsch, den ich herzlich an dieser Stelle begrüße bis 2004 und den heutigen Schulleiter Hubert Hagel.

Im Jahr 1965 übernahm der Landkreis Biberach von der Stadt Biberach, für die ich in Vertretung von Oberbürgermeister Fettback Herrn Bürgermeister Wersch begrüßen darf, die Schulträgerschaft für die beruflichen Schulen und begann einen großzügigen Aufbau des beruflichen Schulwesens.

Das Kreis-Berufsschulzentrum Biberach in der Leipzigstraße, das am 1. Dezember 1973 seiner Bestimmung übergeben wurde, war ein Meilenstein sowohl in der Geschichte des noch jungen Landkreises Biberach als auch in der Bildungspolitik des Landes.

Durch die intensive Zusammenarbeit von Schulträger, Schulverwaltung und Wirtschaft wurde ein deutliches Zeichen für die damals neue Sicht der beruflichen Bildung gesetzt. Die Vereinigung aller Schularten des beruflichen Schulwesens eröffnete von der Berufsschule bis hin zum Beruflichen Gymnasium im so genannten kooperativen Modell bisher unmögliche Wege der beruflichen Bildung. Angesichts der Anmeldezahlen und der Übergänge von der Realschule oder auch einem Wechsel von allgemein bildenden Gymnasien ist das berufliche Gymnasium eine ernst zu nehmende Alternative zu G8.

Genau heute vor 25 Jahren, am 13. November 1984, erhielt die Kaufmännische Schule den Namen „Gebhard-Müller-Schule“, benannt nach dem ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, der im Landkreis Biberach, in Füramoos, geboren wurde.

Ein weiterer Meilenstein in der Bildungsentwicklung des Landkreises Biberach wurde mit der Erweiterung der Karl-Arnold-Schule und dem Neubau der Gebhard-Müller-Schule gesetzt, der im Jahr 2004 eingeweiht werden konnte. Insgesamt investierte der Landkreis annähernd 30 Millionen Euro in das Berufsschulzentrum Biberach. Mit dem Neubau der Gebard-Müller-Schule wurde nicht nur die wohl Energie sparendste Schule Deutschlands gebaut, sondern auch pädagogische Konzepte umgesetzt, die den neuesten Bildungsstandards entsprechen. Offene Lernzonen, Lehrerstützpunkte und modernste Technik führen dazu, dass Unterricht sowohl den knapp 1.700 Schülerinnen und Schüler als auch den 81 Lehrerinnen und Lehrern einfach Freude macht.

Und auch wir als Landkreis und Schulträger wissen diese Schule als Veranstaltungsort für den Neujahrsempfang, für die Ehrung der Sportler oder als Tagungsort für den Ausschuss zu schätzen.

Neben den klassischen Ausbildungsberufen wie beispielsweise Bankkaufmann, Industriekaufmann oder Einzelhandelskaufmann ist das Profil der Gebhard-Müller-Schule heute geprägt von der Informatik. Dies zeigt sich unter anderem in folgenden Punkten: Wirtschaftsinformatik als Profilergänzung im Wirtschaftsgymnasium, oder auch an den Ausbildungsberufen zum Informatikkaufmann oder IT-Systemkaufmann. Darüber hinaus ist die Gebhard-Müller-Schule SAP-Partnerschule und CISCO-Akademie. Die Cisco-Akademie beschäftigt sich mit der Konfiguration von Netzwerken und zwar nicht nur in der Ausbildung von IT-Kaufleuten sondern auch in der beruflichen Weiterbildung.

Ferner kann an der Berufsfachschule die mittlere Reife abgelegt, die Fachhochschulreife erlangt und am Wirtschaftsgymnasium das Abitur gemacht werden. Die Gebhard-Müller-Schule unter der heutigen Leitung von Oberstudiendirektor Hubert Hagel hat sich sowohl durch dieses breite Ausbildungsspektrum als auch von der Infrastruktur weit über den Landkreis Biberach einen hervorragenden Ruf erworben.

Mit meinem Glückwunsch zum 100-jährigen Bestehen der Kaufmännischen Schule, aber auch der Gewerblichen Schule, verbinde ich meinen herzlichen Dank an alle, die an der Gründung und der überaus positiven Entwicklung der Schule mitgewirkt haben. In Zeiten, in denen Bildungsfragen mehr als alles andere zum politischen Thema auf allen Ebenen gemacht werden und gute Bildungseinrichtungen ein wichtiger Standortfaktor für einen Landkreis sind, verspreche ich Ihnen, dass sich der Landkreis auch in Zukunft stark bei Bildungsfragen engagieren wird und die Beruflichen Schulen die bestmögliche Unterstützung erhalten werden. Denn, meine sehr geehrten Damen und Herren, Bildung ist der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit junger Menschen, Bildung ist der Schlüssel für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und letztendlich ist Bildung auch ein wichtiger Schlüssel für den sozialen Frieden in unserem Land. Die Gebhard-Müller-Schule ist seit 100 Jahren Garant für den Bildungsbegriff in diesem positiven Sinne.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor so einem Festakt überlegt man sich ja auch immer, was man als Geschenk mitbringen kann. Die Klassiker fallen einem immer schnell ein: Ein Glaswappen oder eine Zinnschale. Für eine Schule, die ihr 100-jähriges Jubiläum feiert vielleicht ein etwas unangebrachtes Geschenk, zumal die Schülerinnen und Schüler davon nicht haben.

Jetzt gibt es bei uns aber im Haus auch Überlegungen, ob und wie das EU-Schulfruchtprogramm umgesetzt werden soll und kann. Diese EU-Verordnung findet mittlerweile auf nationaler Ebene im Schulobstgesetz ihren Niederschlag. Ja, so ein Gesetz gibt es wirklich. Und in § 1 dieses Gesetzes ist sogar definiert, was Schulobst ist. Ich zitiere und hören Sie gut zu: „Schulobst im Sinne dieses Gesetzes ist demnach auch Gemüse.“

Wir als Kreis und Schulträger haben uns noch nicht entschieden, ob und ggf. wie wir das Schulobstgesetz umsetzen. Unabhängig davon, habe ich veranlasst, dass anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Gebhard-Müller-Schule und der Karl-Arnold-Schule in beiden Schulen ab Montag, 23. November eine Woche lang ein sehr großer Korb mit Äpfeln aus den heimischen Streuobstwiesen steht. Jede Schülerin, jeder Schüler kann sich dann kostenlos bedienen.

Stellvertretend für dieses Geschenk, darf ich Ihnen, liebe Frau Granacher-Buroh und Herrn Hagel, einen kleinen Apfelkorb überreichen, wobei die Äpfel auch in vergorener Form dabei sind.