Rede des Landrats anlässlich des Neujahrsempfangs 2010 am 9. Januar 2010 im Großen Sitzungssaal

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich darf Sie heute Abend sehr herzlich zum traditionellen Neujahrsempfang des Landkreises Biberach willkommen heißen.

Zunächst einmal meinen herzlichen Dank an die Musikerinnen und Musiker, die uns während des offiziellen Teils begleiten und unterhalten.

Passend zum heutigen Thema „Natur und Nachhaltigkeit“ haben wir Teilnehmer des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ engagiert, die von ihren Lehrern begleitet werden. Schließlich haben wir die Welt bekanntermaßen nur von unseren Kindern, und damit auch von diesen jungen Musikern, nur geborgt.

Liebe Miriam Klüglich,
liebe Alexandra Frenkel,
lieber David Klüglich,
ihr drei sollt also heute Abend stellvertretend für die nächste Generation stehen, um die es hauptsächlich in unserem täglichen Wirken um den Naturschutz geht.

Meine Damen und Herren,
es freut mich sehr, dass so viele Gäste meiner Einladung gefolgt sind. Und genauso vielfältig wie die Natur draußen, so vielfältig ist auch der Kreis der im Bereich Naturschutz Tätigen.

So darf ich ganz herzlich begrüßen

  • die angehenden Fachwarte für Obst und Garten, die sich in der neu gegründeten Biberacher Obst- und Gartenbauakademie den letzten Feinschliff für den grünen Daumen im Garten holen,
  • des weiteren die Vorstände der Obst- und Gartenbauvereine in unserem Landkreis,
  • zahlreiche Vertreter von Naturschutzverbänden wie BUND oder NABU,
  • ehrenamtliche Naturschutzwarte aus unserem Landkreis,
  • Sachverständige aus der Tier- und Pflanzenwelt, angefangen von Bäumen, über Biber, Fledermäuse, Hornissen bis hin zu Vögeln und Störchen,
  • Landschaftsarchitekten und -planer,
  • Mitarbeiter von Naturschutzbehörden,
  • und alle, die sich sonst in irgendeiner Weise engagieren und einbringen, sei es beruflich oder ehrenamtlich in der Freizeit.

Seien Sie herzlich willkommen.

Ein besonderer Gruß gilt auch den weiteren Ehrengästen an diesem Abend

  • Abgeordnete
  • Landräte a. D.
  • Mitglieder des Kreistags
  • Damen und Herren Bürgermeister
  • Behördenvertreter
  • Schulleiter der kreiseigenen Schulen
  • Chefärzte der Kreiskliniken
  • Dezernenten und Amtsleiter des Landratsamtes
  • Presse

 
Meine Damen und Herren,
es freut mich sehr, heute einen weiteren ganz besonderen Gast begrüßen zu dürfen. Er stammt aus Rot an der Rot. Er ist ein Kind des Landkreises. Er hat es bis an die Spitze von Greenpeace International mit Sitz in Amsterdam geschafft. Begrüßen Sie mit mir Dr. Gerd Leipold, den ehemaligen Geschäftsführer von Greenpeace International.

Herr Leipold wird nachher noch zu uns sprechen. Gestatten Sie mir ganz kurz, ein paar Worte über ihn zu verlieren.

Nach dem Physikstudium war Dr. Gerd Leipold bis 1982 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und anschließend bis 1990 Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland. Daran anschließend gehörte er dem Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland an. Bevor er 2001 Geschäftsleiter von Greenpeace International wurde, arbeitete er in London. Als Inhaber einer Beratungsfirma beriet er dort unter anderem Greenpeace mehrere Jahre bei der Entwicklung von Kampagnen und Kommunikationsstrategien. Gerd Leipold leitete Greenpeace International acht Jahre lang.

Seien Sie herzlich willkommen im Landratsamt. Es freut mich, dass Sie auf Ihrem Heimaturlaub bei uns sein können. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Start ins neue Jahr. Doch wenn man am 1. Januar Geburtstag hat, so wie Sie, dann ist dies ja fast schon vorprogrammiert. Hierzu nachträglich herzlichen Glückwunsch.

Liebe Gäste,
Naturschutz ist also dieses Jahr Thema beim traditionellen Neujahrsempfang. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum „Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt“ ausgerufen. Es soll dazu dienen, das Thema biologische Vielfalt mit seinen vielen Facetten weltweit stärker ins das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Das ganze Jahr über werden zahlreiche internationale, nationale und lokale Veranstaltungen zu diesem Thema stattfinden. Mit der heutigen Veranstaltung tragen auch wir unseren Teil dazu bei.

Ich hoffe und bin mir eigentlich sicher, dass diese Veranstaltungen erfolgreicher sein werden als der kürzlich stattgefundene Klimagipfel von Kopenhagen. Herausgekommen ist dabei nämlich nur ein formaler Trick, mehr nicht – und dieser sollte dabei helfen, den Klimagipfel von Kopenhagen zumindest nicht ganz im Desaster zu Ende gehen zu lassen.

Die Diskussionsleitung erklärte schlussendlich, das Gipfelplenum "nehme Kenntnis" von dem Mini-Kompromiss, der von rund 30 Staats- und Regierungschefs vorgelegt worden war. Dem Dokument könnten sich all jene Staaten anschließen, die sich dafür entscheiden würden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ein befriedigendes Ergebnis ist. Die größten Optimisten sehen darin einen Schritt in die richtige Richtung, der bei manchen Staaten sicherlich schon in gewisser weise eine Kehrtwende bedeutet. Andere, und die sind sicherlich in der Überzahl, sehen den Gipfel als kläglich gescheitert an.

Man sieht, wie schwierig und komplex der Naturschutz sein kann, und so bin ich froh, dass wir auf regionaler Ebene wenigstens immer wieder ein Stück vorankommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
welches sind den die Problemfelder, um die es geht? Der Verlust der biologischen Vielfalt zählt neben dem Klimawandel zu den dringlichsten globalen Politikfeldern im Bereich Umweltschutz und damit zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Doch obwohl uns das bewusst ist und wir engagiert dagegen ankämpfen, schwindet die Biodiversität, also der Artenreichtum unserer Erde, weltweit noch immer in dramatischem Ausmaß.

Was für uns Erwachsene und unsere Eltern noch selbstverständlich in der freien Natur zu beobachten ist, das kann für unsere Kinder und Enkel schon bald unwiederbringliche Vergangenheit bedeuten.

Nach der Gefährdungseinstufung im Rahmen der Roten Listen 1998 waren in Deutschland 36 Prozent der zirka 16.000 untersuchten Tierarten in ihrem Bestand gefährdet und drei Prozent ausgestorben oder verschollen. Drei Prozent standen auf der Vorwarnliste.

Bei den Farn- und Blütenpflanzen wurden 1996 von den rund 3.000 in Deutschland vorkommenden Arten 26,8 Prozent als bestandsgefährdet und 1,6 Prozent als ausgestorben oder verschollen eingestuft. Bei den Moosen waren 34,5 Prozent der rund 1.100 untersuchten Arten bestandsgefährdet und 4,8 Prozent ausgestorben oder verschollen.

Und auch die aktuellen Auswertungen aus dem Jahre 2009 zeichnen kein erfreulicheres Bild. Die Umweltschutzorganisation WWF titulierte „Feldhamster und Co verschwinden aus Deutschland“ und bezeichnete die Lage der heimischen Wirbeltiere als „weiterhin dramatisch“.

So finden sich 43 Prozent der untersuchten 478 Wirbeltierarten in einer Gefährdungskategorie wieder. Insgesamt 22 Wirbeltierarten verschwanden allein im Laufe des vergangenen Jahrhunderts aus Deutschland. Zahlen, die einen erschrecken.

Diese Entwicklung macht selbstverständlich auch vor dem Landkreis Biberach nicht halt. Lassen Sie mich daher an der Stelle auch ein paar Zahlen und Fakten aus dem Landkreis vorstellen, genauer gesagt vom Federsee, der mit Abstand die größte Artenvielfalt in der Region vorweisen kann.

Der Federsee ist mit 1,4 Quadratkilometern der drittgrößte See in Baden-Württemberg. Das 33 Quadratkilometer große Federseeried ist das größte zusammenhängende Moorgebiet Südwestdeutschlands und einer der wichtigsten Lebensräume für Vögel der Feuchtgebiete in Baden-Württemberg.

Auf dem Federsee, in den großen umliegenden Schilfröhrichten, den weitläufigen Nasswiesen, den natürlichen Moorwäldern und in den Hochmoorresten des Federseebeckens brüten über 100 Vogelarten. Viele von ihnen stehen auf der Roten Liste für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Einige Arten haben hier ihre bedeutendsten Vorkommen im Land, wie beispielsweise die Rohrweihe.

Daneben ist das Federseemoor ein wichtiger Rastplatz für viele Zugvögel. Sie brauchen auf ihren oft mehreren Tausend Kilometer langen Wanderungen geeignete Rückzugsräume. Im Federseemoor finden sie Schutz, Nahrung und Ruhe. 264 Vogelarten wurden bisher im Federseeried nachgewiesen.

Wegen seiner großen Bedeutung für bedrohte Sumpf- und Wasservögel hat der Internationale Rat für Vogelschutz dem Federseemoor das Prädikat "Europareservat" verliehen. Außerdem ist das Federseemoor Teil des Internationalen Schutzgebietsnetzes "Natura 2000".

Zu Lande, zu Wasser und in der Luft – überall bietet das Federseegebiet Besonderheiten:

  • Insgesamt kommen am Federsee 614 verschiedene Pflanzenarten vor, darunter 110 der Roten Liste und zehn Orchideenarten. Eine Besonderheit ist sicherlich das Karlszepter, das es in Baden-Württemberg nur noch hier gibt.
  • Außerdem gibt es 15 Fischarten. Als Besonderheit sei hier die Wildform des Karpfens erwähnt.
  • Und bei den Fledermausarten konnten zwölf der insgesamt 24 in Deutschland heimischen Fledermausarten nachgewiesen werden, allesamt auf der Roten Liste. Von der Anzahl der Vogelarten habe ich Ihnen bereits berichtet.

Über das Federseegebiet hinaus haben wir natürlich auch noch zahlreiche weitere Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete. Die insgesamt 31 Naturschutzgebiete mit ihren rund 3.500 Hektaren entsprechen einem Flächenanteil von 2,53 Prozent der gesamten Landkreisfläche. Landesweit liegt der Anteil bei 2,38 Prozent. Hier liegen wir also leicht über den Schnitt.

Anders sieht es bei den Landschaftsschutzgebieten. Landesweit fallen 22,77 Prozent der Fläche darunter, bei uns entsprechen die 34 Gebiete lediglich einem Anteil von 20,81 Prozent.

Liebe Gäste,
bei all den Zahlen dürfen wir eines nicht übersehen. Wir leben in einer der schönsten Regionen Deutschlands. Diese gilt es für die Nachwelt zu bewahren. Dafür müssen wir die vorhandenen Ressourcen optimal nutzen und einen Einklang zwischen der Natur und den weiteren menschlichen Bedürfnissen schaffen.

Zu den weiteren menschlichen Bedürfnissen zählt sicherlich das Anliegen eines Fischereivereins, das mich ganz aktuell vor wenigen Tagen erreichte. Darin hatte sich der Verein beschwert, dass seit dem Einzug eines Bibers in den Fischweiher erhebliche Schäden verursacht wurden.

Erst wenige Jahre zuvor wurde in zahlreichen Arbeitsstunden und mit erheblichem finanziellen Aufwand das Gewässer saniert – „und nun das“, so die Reaktion des Vereins. Die umliegenden Weiden wurden in regelmäßigen Abständen dezimiert, das Ufer wurde unterhöhlt und ganz in der Nähe verläuft eine Kreisstraße, die vielleicht einmal zu rutschen droht.

Was ich damit sagen möchte, liebe Gäste, ist dass bei all den Anstrengungen im Bereich Naturschutz auch mal Zielkonflikte entstehen können, die es abzuwägen gilt. Dieses Beispiel war nur eines von vielen, wie es in der täglichen Praxis vorkommen kann.

So gilt es, bei all unserem Handeln die Balance zu finden zwischen einer ausgewogenen Infrastruktur, zwischen Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen, zwischen dringenden Aufgaben auf dem Arbeitsmarkt, zwischen Bemühungen im Naturschutz.

Das Gesamtgefüge, für das gerade wir als Landratsamt mit unseren 24 Ämtern zuständig sind, ist wie ein Mobile, das bei einer einseitigen Belastung ins Schlingern geraten kann. Alle Bereiche sollen ihren Platz haben, um möglichst vielen Menschen gerecht zu werden.

Meine Damen und Herren,
Naturschutz hat schon viele Generationen bewegt. Naturschutz hat Geschichte, das kann man hier überall sehen. Naturschutz ist aber noch lange nicht Geschichte. Er ist aktuell und ich bin dankbar dafür, dass sich so viele Menschen aktiv dafür einsetzen. Herzlichen Dank für Ihren Einsatz das ganze Jahr über.

Bei soviel geballter Kompetenz in diesem Saal möchte ich die Gelegenheit nutzen, und noch ein wenig Eigenwerbung betreiben. Und zwar sollen im Jahr 2010 zwei neue Naturschutzwarte für den Landkreis Biberach bestellt werden.

Sollte einer von Ihnen daran Interesse haben und natürlich auch die erforderliche Qualifikation besitzen, dann melden Sie sich doch bitte bei uns. Das zuständige Dezernat von Frau Bürkle steht Ihnen gerne für nähere Fragen zur Verfügung.

Die Natur braucht sich nicht anzustrengen,
bedeutend zu sein. Sie ist es.

Mit diesem Zitat des schweizerischen Schriftstellers Robert Walser möchte ich meine Begrüßungsworte schließen und darf Ihnen allen einen guten Start in ein hoffentlich erfolgreiches und abwechslungsreiches neues Jahr wünschen. Schließlich ist das Jahr 2010 nicht nur das Jahr der biologischen Vielfalt, sondern auch das Elvis-Presley-Jahr, das Mark-Twain-Jahr, das Mutter-Teresa-Jahr, das internationale Jahr für die Annäherung der Kulturen und weiterer Jubiläen und Ereignisse.

Sie sehen, 2010 verspricht bunt zu werden, so bunt wie hoffentlich die Natur immer sein wird.

In diesem Sinne freue ich mich aber nun auf die Worte von Dr. Gerd Leipold, die wir nach der musikalischen Einlage hören werden.

Wirklich ganz zum Schluss darf ich Sie bereits jetzt zum anschließenden Empfang einladen. Seien Sie unsere Gäste. Das Krankenhausteam um seinen Chefkoch Herrn Sauter wird Sie wieder einmal mit lukullischen Raffinessen überraschen.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Abend, hier bei uns im Landratsamt Biberach. Danke für Ihr Kommen.