Rede des Landrats anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Das Stille Örtchen – Tabu und Reinlichkeit bei Hofe" am 1. April 2011 in Bad Schussenried

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Hörrmann,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Scheffold,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Rief,
sehr geehrter Herr Ministerialdirigent Knödler,
sehr geehrte Frau Ministerialrätin Dr. Rupert,
sehr geehrte Herren Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Pfarrer Meckler,
sehr geehrter Herr Hefner,
sehr geehrter Herr Zettler,
sehr geehrter Herr Wiese,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
beginnen möchte ich mein Grußwort mit einem Zitat: „Ebensowenig wie Klosetteinrichtungen gab es Badezimmer. Die eine Badewanne in Versailles war vermauert worden und wurde, als man sie zufällig auffand, als Schale für einen Springbrunnen versetzt“ – mit diesen Worten leitete der Publizist Max von Boehn im Jahr 1919 seine Betrachtungen über Reinlichkeit an den Höfen des 18. Jahrhunderts ein.

In düstersten Worten berichtete er von Verdrecktheit, Ungezieferbefall und Gestank, die den Adligen eigen gewesen seien – oder, in seinen Worten, „ein Geschlecht, welches in seinen Wohnungen und an sich selbst den Begriff der Reinlichkeit überhaupt nicht kannte.“

Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die Vorwürfe finden sich auch in älteren Publikationen. Kulturgeschichtliche Untersuchungen haben dieses Klischee in den letzten Jahren zwar gründlich widerlegt, doch begegnet man noch heute bei Schlossführungen vielfach der lieb gewonnenen Mär vom Adligen, der sich nicht gewaschen und seine Notdurft allerorten verrichtet habe.

Umso mehr ist es den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg zu danken, dass sie diesen Stereotypen mit der Ausstellung „Stilles Örtchen“ so überzeugend entgegentreten und mit faszinierenden Exponaten ein facettenreiches und differenziertes Bild der „Reinlichkeit bey Hofe“ zeichnen.

Doch über die Kulturgeschichte des Stillen Örtchens zu sprechen, sind heute andere berufen. Als Landrat des Landkreises Biberach möchte ich mich lieber einem ganz anderen Stillen Örtchen widmen: nämlich dem Neuen Kloster, in dem wir uns gerade befinden.
 
Lassen Sie mich etwas ausholen: Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts pulsierte in der Reichsabtei Schussenried das Leben – Menschen gingen ein und aus, Handwerker arbeiteten in ihren Werkstätten, der Handel florierte. Die Säkularisation und das Ende des Alten Reichs änderten das jedoch von Grund auf: Das Kloster wurde zunächst auf verschiedene Weise genutzt, ehe 1875 die Königliche Heil- und Pflegeanstalt einzog und hier psychisch erkrankte Menschen behandelte.

Damit begann zwischen Stadt und Kloster ein gegenseitiger Abgrenzungsprozess: Zum einen zog sich die Heilanstalt bewusst hinter die sprichwörtlichen Klostermauern zurück, während zum anderen mancher mit „denen“ im Kloster auch nichts zu tun haben wollte. So kam es, dass sich Schussenried im 19. und 20. Jahrhundert zwar munter weiter entwickelte – doch mit dem Kloster, das über Jahrhunderte der Mittelpunkt der Gemeinde gewesen war, hatte dies immer weniger zu tun.
Auf diese Weise wurde das Neue Kloster selbst, verzeihen Sie mir das Wortspiel, zum „Stillen Örtchen“. Die anwesenden Bad Schussenrieder können sicher bezeugen, wie still es um das ehemalige Kloster noch vor wenigen Jahren war: Selbst wer den berühmten Bibliothekssaal, in dem wir uns gerade befinden, bestaunen wollte, musste sich erst umständlich an der Klinikpforte anmelden. Das Neue Kloster prägte als Bauwerk zwar das Antlitz der Stadt, doch in der öffentlichen Wahrnehmung gehörte es nicht so recht dazu. Fürwahr: ein Stilles Örtchen, dieses Neue Kloster!

Doch das hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert: Dank des Engagements der Staatlichen Schlösser und Gärten, des Landesmuseums Württemberg, der Stadt Bad Schussenried und nicht zuletzt dank einer großen finanziellen Beteiligung des Landkreises Biberach wurde das Neue Kloster förmlich wach geküsst. Ein wesentlicher Schritt war die Eröffnung des gelungenen Museums, bei dessen Einrichtung mit faszinierenden Exponaten sich auch der Landkreis als Leihgeber beteiligte.

Doch um diesem Ort auch weiterhin jede Stille auszutreiben, sind stets neue Anstrengungen der Partner nötig. Wir brauchen – gerade aus der Sicht des Landkreises – hier in Bad Schussenried attraktive Ausstellungen und Veranstaltungen. Daher zeigt der Landkreis beispielsweise ab November Arbeiten von Daniel Bräg; im nächsten Jahr belegen wir von April bis Oktober gleich zwei Stockwerke mit einer großen – und wie sich bereits jetzt abzeichnet: auch hochkarätigen – Ausstellung zeitgenössischer Kunst, von Rita Grosse-Ruyken bis Wolfgang Laib.

Vor diesem Hintergrund danke ich den Staatlichen Schlössern und Gärten sehr dafür, dass Sie für den Auftakt dieser Wanderausstellung gerade Bad Schussenried gewählt haben. Als Kulturinteressierter freue ich mich sehr über dieses Thema und die beeindruckenden Exponate; als Landrat freue ich mich über die enorme Bereicherung des Kulturlebens im Landkreis Biberach. Zum Ende bleibt mir daher nur, der Ausstellung möglichst viele Besucher zu wünschen, die im Austausch untereinander, vor allem aber durch ihre Ausrufe des Staunens und der Überraschung das Neue Kloster auch weiterhin zu einem „Lauten Örtchen“ machen.